Von der Digitalisierung zur Humanisierung

Die Zukunft der Menschheit hängt vom Menschenbild ab. Nicht die Technologien entscheiden, wie wir künftig leben werden, sondern unsere Fähigkeit, wertschätzend und menschenwürdig miteinander umzugehen.

Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, lebensverlängernde medizinische Errungenschaften, Elektromobilität – das sind Themen, die unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen und uns als Gesellschaft beschäftigen. Selbstverständlich ist es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen. Noch wichtiger und entscheidend für unsere Zukunft sind jedoch die Fragen des menschlichen Miteinanders.

Menschen glauben an Geschichten

Was hat uns Menschen so erfolgreich gemacht, dass wir heute die gesamte Erde beherrschen? Historiker meinen, es war unsere Fähigkeit, abstrakte Geschichten zu erzählen und daran zu glauben. Geschichten von unsichtbaren, aber allmächtigen Göttern, haben unsere Vorfahren zu großen Gruppen zusammengeschweißt. Das half ihnen, gemeinsam größere Tiere zu jagen und kleinere Gruppen anderer Stämme zu überwältigen. Auch heute noch halten uns Geschichten von unsichtbaren, aber allgegenwärtigen Mächten in Atem. Allerdings heißen diese mächtigen Gottheiten heute nicht mehr Ramses, Thor oder Jupiter, sondern Kapitalismus, Finanzmärkte und Digitalisierung.

Gerade bei Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz gibt es weit verbreitete Missverständnisse: Intelligenz wird nämlich oft mit Bewusstsein verwechselt. Intelligenz bedeutet aber nichts anderes als die Fähigkeit, Probleme zu lösen. So gesehen ist auch schon jeder Taschenrechner eine Art künstlicher Intelligenz. Was uns verunsichert ist aber die Vorstellung von künstlichem Bewusstsein, also die vermeintliche Fähigkeit eines Roboters zu reflektieren, sowie Gefühle, Gedanken oder gar Absichten zu entwickeln. Und dabei verstehen wir noch nicht einmal unser eigenes, natürliches Bewusstsein. So sehr die moderne Hirnforschung in den letzten Jahrzehnten Fortschritte gemacht hat – was Bewusstsein ist und wie es entsteht, ist noch völlig unbekannt. Darum sollten wir uns neben der Frage, was die Zukunft technologisch bringen wird, auch damit beschäftigen, welche Fähigkeiten und Potenziale wir als Menschen haben, um die Zukunft zu gestalten.

Menschen brauchen ein „wozu“

Ja, es werden sicher Arbeitsplätze verloren gehen, durch Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Im Gegensatz zu früher jedoch weniger im niedrigqualifizierten Bereich, sondern zunehmend im Bereich der sogenannten Kopfarbeit. Wenn tatsächlich die Arbeitslosigkeit dramatisch ansteigen wird, dann wird das Bedingungslose Grundeinkommen nur ein Teil der Lösung sein. Auch wenn die Menschen wissen, wovon sie leben, wissen sie noch lange nicht, wozu sie leben. Die Erwerbsarbeit ist immer noch Teil unserer Identität und Erwerbs-Arbeitslosigkeit kann ein tiefes Sinnlosigkeitsgefühl zur Folge haben.  Wie wichtig das Erleben von Sinnhaftigkeit für das Wohlbefinden und die Gesundheit ist, hat Viktor E. Frankl bereits vor 80 Jahren festgestellt: „Der Mensch strebt in erster Linie nach einem Sinn im Leben.“ Und dieses Faktum wird heute mehr und mehr (auch wissenschaftlich) bestätigt.  Die Menschen spüren eine wachsende Sehnsucht nach Bedeutung, nach Sinnhaftigkeit und nach Zugehörigkeit. Spätestens seit Veröffentlichung des „AOK Fehlzeitenreports 2018“ wird immer mehr Unternehmen bewusst, dass neben der Digitalisierung auch eine sinnorientierte, menschenwürdige Gestaltung der Arbeitswelt zukunftsentscheidend sein wird.

Das beginnt schon beim Menschenbild, das prägend ist für den Umgang mit mir selbst, mit anderen Menschen und mit Herausforderungen. 250 Jahre nach Beginn der Industriellen Revolution ist das mechanistische Bild leider immer noch verbreitet, das Menschen mit Apparaten vergleicht. Auch das Black-Box-Modell der Verhaltenspsychologie geistert immer noch durch Seminarunterlagen und Köpfe von Personalisten. So als würde der Mensch nur auf Basis von genetischer und sozialer Disposition auf Umweltreize reagieren können, ohne bewusst über die innere Haltung und äußere Handlungen entscheiden zu können.

Menschen gestalten …

Bereits in der Mitte des vorigen Jahrhunderts hat Viktor E. Frankl ein Menschenbild beschrieben, das uns nicht nur wesentlich mehr Freiheit zugesteht, als alle anderen Konzepte davor und danach. Es kann uns auch als wertvolle Orientierung dienen, zur Bewältigung dessen, was uns die Zukunft bringen wird. Vorausgesetzt, wir sind bereit, die Verantwortung für unsere persönlichen Gestaltungsmöglichkeiten zu übernehmen. Dazu müssen wir unseren starren, angsterfüllten Blick von den (vermeintlichen) künftigen Gefahren und Katastrophen abwenden, und uns unseren gegenwärtigen Fähigkeiten und Potenzialen zuwenden. Auch wenn niemand für sich allein die großen Probleme der Welt lösen kann, so kann doch jede(r) einzelne von uns seinen oder ihren kleinen, persönlichen Beitrag zur positiven Entwicklung leisten. Wie heißt es so schön: Think global – act local. Und die kleinste lokale Einheit bin ich selbst.

… eine positive Geschichte der Zukunft

Dabei hilft uns eine sinn-orientierte, positive und lösungsorientierte Einstellung. Sinn-Orientierung heißt: Sich für etwas einzusetzen anstatt gegen etwas zu kämpfen. Letzteres fokussiert meine Aufmerksamkeit auf das, was ich eigentlich nicht will. Darum braucht es nicht nur ermutigende Geschichten von der künftigen globalen Menschheit, es braucht vor allem auch eine positive Sicht auf die individuellen, gegenwärtigen Möglichkeiten. Damit wir also nicht wie paralysiert vor den Schreckensvisionen einer negativen Zukunft stehen und dadurch unfähig werden, unsere Gegenwart zu gestalten, sollten wir mit Gelassenheit und Urvertrauen unseren persönlichen Beitrag für eine positive Entwicklung leisten.

Mehr dazu in meinem Vortrag am 21. Februar 2019 um 19 Uhr  in Kooperation mit dem Viktor Frankl Zentrum Wien.

Foto: Fotolia.de